Der Ausflug ist gebucht, der Bus steht vor der Tür, die Bewohnerinnen und Bewohner sitzen angezogen im Foyer. So könnte Teilhabe beginnen, wenn man es sich einfach vorstellt. Bei näherem Hinsehen fallen andere Momente auf: Nach dem Singkreis wird niemand gefragt, ob es sich gut angefühlt hat. Beim Mittagessen wird der Platz zugeteilt, ohne dass jemand eine Wahl hatte. Am Abend geht das Licht aus, weil die Schicht es so eingeplant hat.

Teilhabe wird häufig mit Freizeitprogramm gleichgesetzt. Dabei beginnt sie viel früher und unscheinbarer. Teilhabe heißt im Kern, an dem teilzuhaben, was den eigenen Tag ausmacht, und nicht nur bei Veranstaltungen dabei zu sein, die für jemanden organisiert wurden.

Teilhabe ist Mitwirkung am eigenen Tag

Wer Pflege erhält, bleibt die Person, die er oder sie war und ist. Menschen treffen weiterhin Entscheidungen, haben Vorlieben und Widerstände, mögen dieses und meiden jenes. Teilhabe beschreibt deshalb kein besonderes Angebot, sondern den Grad, in dem eine Person an ihrem eigenen Alltag mitwirkt, solange sie das möchte und soweit sie dazu in der Lage ist.

Das klingt selbstverständlich und ist es im Alltag nicht immer. Ein Tagesablauf in einer Einrichtung folgt oft der Logik von Ablauf und Personal: wann gewaschen, wann gegessen, wann geschlafen wird. Dass darin Wahl bleibt, muss Teilhabe gegen diese Ablauflogik behaupten. Warum dabei mehr auf dem Spiel steht als Bequemlichkeit, beschreibt der Text über Altenhilfe, die mehr ist als Versorgung.

Ein gut gemeintes Programm kann diese Mitwirkung sogar verkleinern. Wer beim Ausflug nur mitfährt, weil der Platz schon reserviert war, und den ganzen Tag nichts Eigenes entschieden hat, nimmt teil und wirkt zugleich nicht mit. Deshalb lohnt die Unterscheidung zwischen Anwesenheit und Anteilnahme, auch wenn beides im Terminplan als ein Eintrag auftaucht.

Drei Ebenen der Teilhabe

Es hilft, drei Stufen zu unterscheiden, weil sie unterschiedlich viel Aufwand brauchen und weil sie leicht verwechselt werden.

Dabei sein meint, am Geschehen teilzunehmen oder zumindest anwesend zu sein. Schon hier lohnt die Frage, ob jemand nicht nur dabei sitzt, sondern dabei sein wollte. Anwesenheit sagt noch nichts über Anteilnahme aus.

Mitentscheiden meint, bei Fragen, die die eigene Person betreffen, eine Stimme zu haben: wann aufgestanden, was gegessen, wann Besuch kommt. Das ist mehr als eine Auswahl aus zwei Karten. Es ist die Möglichkeit zu sagen, dass heute beides nicht passt. Mitentscheiden ist der Kern von der Frage, wer eigentlich mitentscheidet.

Etwas beitragen meint, dass eine eigene Fähigkeit zählt. Jemand kennt etwas, kann etwas, hat etwas durchlebt, und genau das wird gebraucht und gefragt. Ein Rezept, das einem anderen hilft, ein Wissen über die Gegend, eine Kindheitserinnerung, die berührt. Beitrag zu leisten wird im Pflegekontext leicht übersehen, weil es keine Arbeitsleistung, sondern ein Lebensanteil ist.

Wo Teilhabe im Alltag scheitert

Teilhabe scheitert selten am Willen der Beteiligten, sondern meist an Bedingungen.

Zeitdruck. Wenn im Plan steht, um acht wird geduscht, und es wird neun, dann muss die Pflegekraft weiter. Eine Frage zu stellen und auf die Antwort zu warten, fällt in dieser Spannung schwer, auch wenn niemand etwas dagegen hätte. Genau hier entscheidet sich, ob Wünsche früh genug aufgeschrieben werden, etwa bei der Übergabe, die nicht auf einem Papierstapel landet.

Raumgestaltung. Eine Tür, die nur von innen öffnet, ein Stuhl am Tisch, dessen Platz feststeht, ein Gemeinschaftsraum, der laut ist und in dem man sich nicht zurückziehen kann. Der Ort entscheidet mit, ob jemand dabei sein kann, und schließt manche von vornherein aus.

Sprache. Fachbegriffe, lange Sätze, eine Frage, die nur eine richtige Antwort zulässt, oder zu viel Information auf einmal. Wer schnell spricht, macht das Mitentscheiden schwer, selbst wenn die Frage ehrlich gemeint ist.

Routine. Wer seit Jahren nach demselben Muster arbeitet, muss nicht böswillig sein, um Wünsche zu überhören. Der Ablauf wirkt dann einfach gut, weil er vertraut ist. Deshalb braucht Teilhabe in der Pflege keinen Vorwurf, sondern einen gelegentlichen Blick von außen, der fragt, was sich eingeschlichen hat. Eine Frage zu stellen und die Antwort wirklich gelten zu lassen, ist anstrengender als eine Anweisung, und genau diese Anstrengung gehört zur Form dazu.

Eine kurze Prüfung für Teams

Diese fünf Fragen kann ein Team sich einmal in der Woche vorlegen. Keine davon ist eine Beschuldigung, sondern eine Gelegenheit, Abläufe von außen zu betrachten.

  • Wo wird im Tagesablauf tatsächlich gefragt, und wo wird nur informiert?
  • Wird Zeit zum Antworten gelassen, oder beginnt die nächste Handlung, bevor die Antwort da ist?
  • Gibt es immer eine echte Alternative, oder ist die Frage nur höflich gestellt?
  • Wie wird ein Nein behandelt: wird es akzeptiert und später noch einmal möglich gemacht, oder wird es überstimmt und wegerklärt?
  • Wird etwas erklärt, bevor es geschieht, sodass eine Entscheidung überhaupt möglich ist?

Wer diese Fragen durchgeht, stellt oft fest, dass Teilhabe weniger mit großen Programmen zu tun hat als mit der Frage, ob jemand eine Antwort geben darf, ohne dass sie schon vorher feststeht.

Ein Beispiel: der Zeitpunkt der Mahlzeit

Eine Mahlzeit ist ein gutes Beispiel, weil sie jeden Tag stattfindet. In einem Haus wird das Mittagessen um zwölf serviert. Eine Bewohnerin ist morgens langsamer, mag es um zwölf noch nicht, bleibt aber höflich. Eines Tages wird sie gefragt, ob das Essen später kommen soll, ob sie ein kleines Brot in der Zwischenzeit möchte oder ob das Frühstück für sie später beginnt. Die Antwort ändert den Ablauf für alle, erfordert eine Absprache mit der Küche und etwas mehr Zeit. Der Unterschied ist nicht spektakulär. Trotzdem wirkt er spürbar: Die Person nimmt an einem Punkt ihres Tages teil, an dem sie zuvor nur bedient wurde.

Hinweis zu Rechten

An dieser Stelle sei ein Vorbehalt gemacht. Teilhabe ist in Deutschland auch ein rechtlicher Begriff und mit sozialrechtlichen Ansprüchen verbunden, etwa bei der Auswahl von Unterstützung und Leistungen. Solche Rechte sind im Einzelfall zu prüfen, denn sie hängen von der persönlichen Situation und von bestimmten Voraussetzungen ab. Eine allgemeine Erklärung hier ersetzt keine Beratung.Wer eine konkrete Frage hat, sollte den zuständigen Kostenträger oder eine Beratungsstelle zu Pflegefragen ansprechen.

Was bleibt, ist eine einfache Beobachtung. Teilhabe zeigt sich selten im großen Ausflug. Sie zeigt sich darin, dass ein Tisch nicht feststeht, bevor die Person daran sitzt. Vielleicht ist das genug für den Anfang: einmal am Tag fragen, und beim nächsten Mal fragen, bevor die Antwort schon getroffen ist.