Manche Entscheidungen sind so klein, dass sie gar nicht mehr als Entscheidungen gelten. Wann geduscht wird. Was heute angezogen wird. Ob der Stuhl am Fenster stehen bleiben darf oder für den Fernsehabend weggeräumt wird. Hier eine zusammengesetzte Szene aus mehreren Alltagssituationen, deutlich als solche gekennzeichnet. In der ersten ist ein Mensch am Morgen wach und würde gern noch liegen bleiben, wird aber um sieben geduscht, weil so der Tagesplan der Einrichtung vorsieht. In der zweiten liegt ein Lieblingspullover im Schrank, ausgewählt wird trotzdem ein anderes Teil, weil es schneller geht. In der dritten räumt jemand den Stuhl am Fenster weg, ohne ein Wort zu verlieren, weil der Abend schon vorbereitet wird.

Solche Augenblicke gehen im Lärm des Alltags unter. Sie sind keine Dramen, keine Konflikte, oft kaum wahrnehmbar. Und genau deshalb bleiben sie meist unbemerkt. Dabei entscheiden sie darüber, ob sich jemand als Handelnder wiedererkennt oder als jemand, mit dem etwas geschieht.

Was an diesen Beispielen auffällt, ist nicht die Bosheit, sondern die Selbstverständlichkeit. Niemand handelt aus Absicht. Der Stuhl wird weggeräumt, weil der Abend vorbereitet wird. Das Duschen steht um sieben, weil der Plan so stehen bleibt. Genau diese Selbstverständlichkeit macht es schwer: Wer im eigenen Ablauf steht, sieht die Wegnahme der Entscheidung nicht mehr. Sie wird zur Normalität. Und die Normalität ist der Ort, an dem Mitbestimmung am ehesten verschwindet.

Zustimmung, Widerspruch und Schweigen sind nicht dasselbe

Wenn gefragt wird, antwortet nicht immer eine Stimme. Es gibt drei Zustände, die leicht verwechselt werden.

Zustimmung meint, dass jemand etwas ausdrücklich trägt. Sie kann auch nach einer Überlegung kommen, weil eine Antwort Zeit braucht.

Widerspruch meint, dass jemand etwas ablehnt. Er darf laut sein, muss es aber nicht. Manche Widersprüche sind leise, kommen erst nach einer Weile oder zeigen sich in der Körperhaltung.

Schweigen ist keins von beiden. Stille bedeutet nicht automatisch, dass jemand einverstanden ist. Sie kann Unsicherheit sein, Müdigkeit, eine fehlende Information oder der Wunsch, gar nicht zu widersprechen, weil ein Widerspruch bisher nicht gut ankam. Teilhabe im Pflegealltag zeigt sich gerade in der Fähigkeit, diese drei Zustände auseinanderzuhalten: dazu mehr im Text über Teilhabe im Pflegealltag.

Wer das zusammenwirft, macht aus einer offenen Frage eine Zustimmung, die es nie gegeben hat. Deshalb gehört zum Fragen das Aushalten von Pausen. Eine Antwort, die nach zehn Sekunden kommt, ist nicht langsamer, sondern bedacht. Wer weiterredet, während der andere überlegt, hat die Frage schon beantwortet.

Unterstützung ist keine Stellvertretung

Ein Mensch, der auf Unterstützung angewiesen ist, übergibt damit nicht automatisch seine Entscheidungen. Unterstützung bezieht sich auf das, was er oder sie allein nicht mehr schafft: das Steigen, das Greifen, das Erreichen. Entscheidungen über das Wie und das Wann sind etwas anderes. Sie können geteilt, aber nicht einfach übernommen werden.

Im Alltag verschwimmt diese Grenze. Weil es schneller ist, entscheidet die Person, die gerade hilft, mit. Weil die Sorge groß ist, dass etwas passiert, wird vorsorglich entschieden. Stellvertretung ist dort gerechtfertigt, wo jemand eine Entscheidung nicht treffen kann und eine vertraute Person sie in ihrem Sinne übernimmt. Wo das möglich ist, bleibt es besser, zu fragen und zu erklären, auch wenn es länger dauert. Ein aufmerksamer Blick sagt viel: Wer hilft, erklärt, was er gleich tut, wartet auf ein Zeichen und lässt zu, dass auch ein zweites Wort nötig ist.

Das kostet Zeit, die im Dienstplan nicht vorgesehen ist. Darum ist die Frage, wer mitentscheidet, auch eine Frage an die Organisation: ob genug Spielraum eingeplant ist, um zu fragen, ob es erlaubt ist, langsamer zu sein, und ob eine Entscheidung, die morgens getroffen wurde, abends noch einer Anpassung offensteht. Wo solche Pausen fehlen, gelingt Mitbestimmung nur, solange sich jemand persönlich die Zeit nimmt. Und dann hängt sie an einer Person, nicht am Ablauf.

Vier Fragen, die kein Fachwissen brauchen

Diese Fragen sind einfach und wirken gerade deshalb. Sie richten sich an Teams, an Angehörige und an Nachbarn gleichermaßen.

  • Was wurde erklärt, bevor etwas geschah?
  • Welche Alternative gab es, und wurde sie ausgesprochen?
  • Wie wurde ein Nein behandelt, das vielleicht schon gesagt worden war?
  • Wer hat die Entscheidung getroffen, und war dieser Mensch dabei?

Die Kraft dieser Fragen liegt nicht im richtigen Wortlaut, sondern darin, dass sie eine Antwort nach sich ziehen. Eine Frage, die abgewinkt und weitergegangen wird, war keine. Wer sie stellt, muss bereit sein, die Antwort anzunehmen, auch wenn sie die eigene Erwartung verändert. Genau dort zeigt sich, ob Mitbestimmung gemeint ist oder nur angekündigt.

Es gibt keine feste Richtung für die Antworten. Manchmal ist eine Entscheidung eilig und muss bleiben, wie sie ist. Dann zählt allein, dass sie erklärt wurde und dass ein Widerspruch angehört worden ist. Warum ein gut gemachter Tagesplan Raum für solche Fragen lässt, beschreibt der Artikel zu einem Tagesplan, der Luft lässt.

Eine Einladung zur eigenen Beobachtung

Als Beobachterin oder Beobachter fällt ein Unterschied rasch auf. Wer den Stuhl wegräumt, hat nach dem Raum gegriffen, ohne einen Anlass zu nennen. Wer dagegen sagt: „Ich muss den Stuhl für den Abend versetzen, passt das?", hat eine Entscheidung sichtbar gemacht und eine Antwort möglich werden lassen. Der zweite Satz kostet keine Sekunde mehr. Er verändert aber, wie die andere Person sich am Tisch erlebt.

Dabei gehört zu dieser Beobachtung auch eine Grenze. Nicht jede Frage kann offen gestellt werden, nicht jede Person kann antworten, und manchmal muss eine Entscheidung getroffen werden, weil jemand sie nicht mehr treffen kann. Auch dann bleibt die Haltung wichtig: benennen, was getan wird, warum es getan wird, und wer es verantwortet. Wo das geschieht, wird aus einer Übernahme keine Bevormundung.

Irgendwann wird daraus die stillere Frage, ob eine Entscheidung den Menschen erreicht, um den es geht. Ein Besuch, der angekündigt wird, eine Mahlzeit, deren Zeitpunkt genommen und zurückgegeben wird, eine Kleidung, die nicht nur sauber, sondern auch die eigene ist. An solchen Sätzen entscheidet sich, ob jemand in seinem eigenen Leben ankommt oder nur begleitet wird, ohne mitzubestimmen.

Wer mag, beginnt noch heute mit einer einzigen Beobachtung: Welche kleine Entscheidung wird in meiner Umgebung gerade stillschweigend getroffen? Die Antwort darauf sagt mehr über Mitbestimmung als jeder große Grundsatz. Wer neugierig bleibt, wie TrendPIE solche Beobachtungen einordnet, findet auf der Seite über das Magazin weitere Texte, die in dieselbe Richtung fragen.